Reisebericht Süditalien 2022

Ein Eldorado an Lost-Places. Häufig waren wir schon in Italien unterwegs. Vom Lago Maggiore bis zur südlichen Toskana entdeckten wir in den vergangenen Jahren bereits einige faszinierende und zugleich verlassene Orte. Nun bereisten wir zum ersten Mal den südlichen Teil Italiens. Auf einem Kurztrip fuhren wir 3 Tage durch Apulien und Kalabrien. Unser Zielflughafen war Bari, zugleich die Hauptstadt Apuliens. Wir landeten gegen Abend sodass nur noch ein Besuch, wie übrigens an jedem Abend, in einer Pizzeria auf dem Programm stand. Bei köstlicher Pizza und einer Flasche Bier namens Ichnusa, freuten wir uns auf den folgenden Tag.

Tag 1

Greguro der Magier und Kletteraction
Wie so häufig verließen wir uns auf den Wetterbericht, der nichts Gutes verhieß, und starteten den Tag im mittleren Teil Apuliens. Es stand die sogenannte Grotta del Mago Greguro auf dem Plan. Wir parkten irgendwo an einer Landstraße und suchten einen Weg hinunter ins Tal. Nach ein paar Minuten fanden wir dann alte antike Treppen ins Gestein gemeißelt. Da es am Vortag regnete, war alles spiegelglatt und gefährlich. Wir brauchten mindestens 20 Minuten, bis wir im Tal waren.
Dieses Tal entstand vor 2000 Jahren durch ein mittlerweile ausgewaschenes Flussbett. Die Zeit des Höhlensystems geht bis in die Zeit der Byzantiner zurück. Diese zwölf miteinander verbundenen Höhlen, die alle in das felsige Ufer gegraben sind, bewohnte einst ein legendärer Heiler und Zauberer namens Greguro von Massafra , der um das Jahr 1000 aktiv war. Hier sammelte er mit seiner Tochter Margheritella Heilkräuter und Sträucher und katalogisierte sie. Dieses Höhlensystem von Gregor diente also als Apotheke.
Dieses alte Höhlensystem mit all den Nischen zu entdecken war wirklich einmalig. Mal wieder ein Explore wie aus einem Indiana Jones Film oder Uncharted Videospiel. In dem Tal herrschte die absolute Ruhe. Keine Menschenseele. Man hörte nur den seichten Wind und Vogelgezwitscher. Von Zeit zu Zeit sahen wir große Spinnen oder Eidechsen. Entgegen dem Wetterbericht fotografierten und filmten wir bei bestem Wetter mindestens 2 Stunden. Als wir irgendwann dunkle Wolken am Himmel sahen, entschieden wir uns einen Rückweg zu suchen. Der Abstieg bei trockenem Wetter war schon ziemlich schwierig, ganz zu schweigen, was uns erwarten würde, wenn es regnete. Also packten wir unser Equipment ein und suchten einen anderen Ausgang. Wir betraten einen alten touristischen Pfad, der den Anschein hatte, einen angenehmeren Weg zurück nach oben zu sein. Der Pfad führte zu einer verlassenen alten Kapelle aus der Byzantiner Zeit. Wir kletterten über diverse Tore und Türen. Der Weg nach oben war immer noch schier unerreichbar, und die Wolken wurden immer dunkler. Schließlich befanden wir uns auf einer kleinen Baustelle der Kirche. Hier hat schon länger niemand mehr gearbeitet. Wahrscheinlich eine Folge der Corona-Pandemie. Man konnte sehen, wie durch die Sanierung die Kirche sowie das Tal wieder touristisch erschlossen werden sollte. Der Weg zurück war mittlerweile zu weit entfernt, um trocken aus dem Tal zu kommen. Also gingen wir weiter den Hang entlang und stiegen über eine Mauer, die direkt den Abhang sicherte. Uns kam die Idee, die letzten rund 50 Meter den Hang raufzuklettern, um auf die Straße zu gelangen. Die ersten Regentropfen fielen von Himmel und es wurde von jetzt auf gleich eine Rutschpartie. Die Klippe war so steil, dass wir uns von Baum zu Baum ziehen mussten. Schweißgebadet und entkräftet gelangten wir dann nach rund weiteren 15 Minuten endlich auf das Plateau, wo auch die Straße wartete. Laut Google-Maps war unser Auto aber 2,5 KM entfernt, was uns aufzeigte, wie weit wir durch das Gregurotal wanderten. Auf dem Weg zum Auto fing es dann sintflutartig an zu regnen. Wir genossen einen Espresso und gaben das nächste Ziel ein.
Das nächste Hauptziel stand bereits für den nächsten Tag auf dem Plan. Eine einmalig tolle verlassene Kirche im Süden Kalabriens. Auf der langen Fahrt gen Süden checkten wir aber noch 2 Locations aus, die auch ziemlich interessant waren. Ein altes riesiges Anwesen mit Villa, Kapelle und antikem Garten. Wir flogen mit der Drohne und konnten auch einige tolle Aufnahmen machen. Allerdings fielen uns gegen Ende des Flugs, brandneue aktive Überwachungskameras auf, die einen Besuch zu Fuß unmöglich machten. Die letzte Location des Tages war dann eine verlassene Brücke mit toller Vegetation. Hier ist das Exponat, A difficult Path entstanden. Wir konnten ungestört mit der Drohne wie auch mit der Kamera fotografieren. Kakteen und Pinien in Kombination mit dem düsteren Wetter bescherten uns tolle Bilder. Nach der tollen Brücke fuhren wir dann noch 2,5 Stunden gen Süden und checkten Abends im Hotel ein. Wir ließen den Tag bei noch besserer Pizza, Champions League und feinem italienischen Wein ausklingen.

Facts about italy

Tag 2

Eine Traumhafte Kirche und besseres Wetter
Am Morgen starteten wir mit ausgewogenem Frühstück und Espresso. Der erste Ort und gleichzeitig einer unseren beiden Tour Highlights war nur noch eine Stunde entfernt. Als wir dann bei der kleinen Kirchen im Süden Kalabriens ankamen, waren wir bereits aufgeregt. Ein kleiner verträumter Ort auf dem Berg. Viele Orte in Süditalien sind auf Hügeln oder Bergen errichtet. Immer wieder ein tolles Bild, was ihr auch in ganz besonderer Form an Tag 3 bei uns sehen werdet. Seid gespannt.
Nachdem wir das Auto sicher geparkt haben, suchten wir in den verwinkelten Gassen nach der Kirche. Nach ungefähr 5 Minuten sahen wir sie dann auch schon und hörten, dass irgendwo Bauarbeiten in vollem Gange waren. Für einen kurzen Augenblick dachten wir: Sind wir den ganzen Weg runter in den Süden umsonst gefahren? Wird die Kirche plötzlich saniert? Kein Besuch möglich?
Aber Nein. Die Bauarbeiten fanden im direkt angrenzenden Wohnhaus statt. Also bahnten wir uns einen Weg zum Vordereingang durch dichtes Gestrüpp und Brombeersträucher. Das große Haupttor war einfach offen und wir traten in die alten Hallen. Hier ist das Exponat Paradiso e Inferno entstanden. Wir hatten vorher schon einige Bilder von der Kirche gesehen. Als wir eintraten, waren wir einfach nur beeindruckt. Der Verfallsgrad mit den immer noch vorhandenen Farben von Wandmalereien und Stuck war faszinierend. Die Lichtstimmung war ebenfalls sehr stimmungsvoll. Wir fotografierten aus allen Winkeln der Kirche, um nichts zu vergessen. Ganz ungefährlich war der Besuch aber auch hier nicht. Das Dach und viele tragende Wände sind so stark in Mitleidenschaft gezogen, dass jeder Schritt gut überlegt sein muss. Auch in Süditalien gab es in der Vergangenheit immer wieder Erdbeben, die solche Orte stark beeinträchtigt hat. Am Ende haben wir uns dann noch frische Mandarinen gegönnt, die wir vorher auf dem Weg zur Kirche am Straßenrand an einer Orangenfarm gekauft hatten.
Für den Rest des Tages standen diverse andere verlassene Gebäude und tolle Orte an der südlichen Küste Kalabriens auf dem Plan. Bis zum späten Abend hin erkundeten wir tolle Strände, eine Burg und eine Villa direkt am Meer gelegen. Auch hier war es mal wieder eine tolle Abwechslung zum Januarwetter in Deutschland.
Auf den letzten Kilometern entdeckten wir dann noch von der Straße am Meer aus, einen alten Palazzo. Den mussten wir selbstverständlich noch auschecken. Die Sonne ging mittlerweile unter. Wir liefen ca. 1,5 KM durch ein riesigen Oliven und Orangenhain. Es roch fantastisch. Als wir uns dem Palazzo näherten, war die Sonne fast untergegangen. Trotzdem sah er fantastisch aus. Wir gingen in den Innenhof und beeilten uns, um schnell noch das letzte Licht mitzunehmen. Leider war fast der gesamte Palazzo kollabiert. Er war bedauerlicherweise so gut wie unbegehbar. Auf dem Rückweg war die komplette Olivenplantage in Dunkelheit getaucht. Wir suchten unseren Weg zurück zum Auto und fuhren zum Hotel. Der Abend ging wieder mit grandioser Pizza und leckerem Wein zu Ende.

Tag 3

Verlassene Bergdörfer und Tankstellentrouble
Und schon war der letzte Tag auf unserer kleinen aber feinen Zwischentour in Süditalien angebrochen. Noch vor dem Frühstück fotografierten wir eine alte kleine Burg direkt an der Küste Kalabriens. Auf uns wartete ein sagenhafter Sonnenaufgang, der wunderbar die Burg anstrahlte. So möchte man doch in den Tag starten. Das ausgewogene Frühstück mit Kaffee im Anschluss machte den Morgen perfekt.
Auf dem Weg zum ersten Bergdorf hielten wir noch bei einem Traktorfriedhof, den wir durch Zufall entdeckt haben. Es begrüßten uns haufenweise alte und historische Maschinen aus der Landwirtschaft. Sie stammten größtenteils von Oliven und Orangenfarmen. Dort würde sich jeder Traktorfan wohlfühlen.
Am letzten Tag unserer Reise standen dann noch 2 Highlights auf dem Programm. Zwei verlassene Bergdörfer, die uns wirklich am Ende den Atem raubten. Der erste Stopp war ein kleineres Dorf. Als wir dort ankamen, bemerkten wir sofort, dass wir allein waren, fast allein. Ein komplett verlassenes Dorf. Während unseres Besuchs recherchierten wir gleich ein wenig. Bei einem kleinen Bier und wunderschöner Aussicht vom höchsten Punkt des Dorfes fanden wir einiges raus. Die Region wurde immer wieder von Erdbeben heimgesucht, weshalb dieser Ort auch verlassen ist. Es scheint, als sei jeder noch so kleine Ort in Italien vollgepumpt mit Geschichte. Kein Geringerer als Charles Dickens hat sich hier um das Erdbeben, und seine in Mitleidenschaft gezogene Einwohner gekümmert. Er hat in einigen seiner Schriften dieses schreckliche Ereignis in Worte gefasst.
Wir waren ungefähr 3 Stunden vor Ort und inspizierten jeden Winkel des Ortes. Tatsächlich trafen wir auf eine Person, die scheinbar täglich dort nach dem Rechten sieht und noch ein paar Katzen füttert. Zum Abschluss flogen wir noch mit der Drohne und ließen den ersten Geisterort hinter uns.
Als letzten Pin und sogleich als absolutes Must-Do auf unserer Tour stand die verlassene Stadt Craco auf dem Plan. Erst sollten wir aber noch einen kleinen Umweg zu einer Tankstelle in einem Bergdorf machen. In letzter Sekunde fiel uns auf, dass der Tank fast leer war. Unser Leihwagen machte keine Anstalten, uns dies mitzuteilen. Mit den letzten Millilitern im Tank schafften wir es noch rechtzeitig zur Tankstelle. Kai kümmerte sich ums Tanken. Ich dachte mir, 2 Espresso sollten noch drin sein vor dem letzten Ziel der Tour. Der Betreiber der Tankstelle sprach ziemlich gut deutsch, er erzählte mir das er ca. 10 Jahre in NRW gearbeitet hat und nun wieder zurück in Kalabrien ist. Die beiden Espressos gingen natürlich aufs Haus.
Als ich dann rauskam, sah ich schon Kais sorgenbehaftetes Gesicht. Der Tankautomat war scheinbar hungrig nach Kreditkarten. Unsere Kreditkarte befindet sich heute noch in Kalabrien. Nach 30 Minuten Stress und ein Intermezzo mit ca. 20 heißblütigen Italienern, die alles taten, um uns zu helfen, sperrten wir dann die Karte und verabschiedeten uns auf Deutsch.
Craco war dann wirklich ein absolutes Highlight. Die Bilder sprechen für sich. Hier enstand das Exponat Paradiso Perduto. Auf den ersten Blick traut man seinen Augen kaum. Wie dieses verlassene Dorf auf dem Hang steht. Es wird teilweise von Bauern bewacht, die Teile der Stadt Craco mit Tieren bewirtschaften. So wird immer ein Auge auf die Stadt geworfen. Es ist sicherlich kein ungefährliches Unterfangen, die Stadt zu betreten. Insgesamt waren wir 5 Stunden vor Ort. Wir flogen immer wieder mit der Drohne und besuchten auch die Stadt zu Fuß.
Die Geschichte von Craco geht bis ins 8. Jahrhundert zurück. Die Stadt diente auch für diverse Dreharbeiten als Kulisse. Zum Beispiel aus dem Film 007 – Ein Quantum Trost aus dem Jahr 2007.
Ebenfalls wurde das Musikvideo für das Lied Paradise von Medusa hier gedreht. Viele von Euch werden das Lied sicherlich kennen.
Wir blieben bis zum Sonnenuntergang hier und waren wirklich Non-Stop geflasht. Mit diesen Eindrücken ging es dann zurück Richtung Bari wo schon unser Rückflug am anderen Morgen auf uns wartete.

musikvideo